Aufsplittung von Energietarifen der Grundversorger in der Diskussion

In den letzten Wochen ist es zu Turbulenzen auf dem Energiemarkt gekommen: Massiv gestiegene Preise an den Beschaffungsmärkten haben schon einige Lieferanten in die Insolvenz oder zum Lieferstopp getrieben. So stellten beispielsweise die Stromio GmbH oder zuvor die Schwester gas.de Versorgungsgesellschaft mbH die Belieferung mit Energie an ihre Kunden ein. Das hatte und hat extreme Auswirkungen sowohl auf die betroffenen Letztverbraucher – es ist die Rede von Tausenden – als auch auf die Grundversorgungsunternehmen, welche die in die Ersatzversorgung gefallenen Kunden aufnehmen mussten.

Separate Tarife für Neu- und Bestandskunden
Um die hohe Zahl unerwarteter Kunden mit aktuellen Marktpreisen zu bedienen, gingen viele der relevanten Versorgungsunternehmen dazu über, separate Tarife für Neu- und Bestandskunden im Bereich der Grund- und Ersatzversorgung aufzulegen. Wir haben kürzlich 247 Stromversorgungsunternehmen untersucht, welche Tarife aufgesplittet und veröffentlicht haben. Darunter sind einige Unternehmen, die inzwischen mehrere separate Neukunden-Tarife führen: so z.B. die NEW Niederrhein Energie und Wasser GmbH (NEW; 4 sep. Tarife), die Stadtwerke Düren GmbH (3 sep. Tarife) oder die Stadtwerke Tübingen GmbH (2 sep. Tarife).

Deutliche Preisunterschiede – eine Momentaufnahme
Bezogen auf einen Jahresverbrauch an Strom von 3.500 kWh waren Privatkunden im separaten Neukundentarif laut Recherchen der GET AG vor kurzem mit einem mittleren* Durchschnittspreis von 64,73 ct/kWh (brutto) konfrontiert. Für Verbraucher in den Bestandskundentarifen der Grund- und Ersatzversorgung fielen bei den untersuchten Energieversorgern, die separate Tarife aufgelegt haben, zum gleichen Stichtag hingegen nur rund 34,83 ct/kWh (brutto) an. Im Mittel lagen die Neukundentarife zum Betrachtungszeitpunkt also um rund 86 Prozent über den Bestandskundentarifen. Mittlerweile wurden von einigen Grundversorgern Preisanpassungen in beiden Kundensegmenten vorgenommen oder signalisiert.

Ist die Aufsplittung der Tarife erlaubt?
Die Praxis der Aufspaltung von Tarifen der Grund- und Ersatzversorgung wird kontrovers diskutiert. Aus Sicht der Verbraucherzentrale NRW verstößt die Ungleichbehandlung von Kunden gegen geltendes Energierecht. Man wolle mit allen Mitteln gegen die Benachteiligung juristisch vorgehen, die nur auf Grundlage eines willkürlich festgelegten Stichtags erfolge. Dass Energieanbieter von der Kundschaft häufig auch noch überhöhte Preise verlangten, verstoße gleich doppelt gegen geltende energierechtlich Vorschriften. Drei Unternehmen seien bereits abgemahnt worden, heißt es in einer Presseerklärung von gestern.

Vor diesem Hintergrund lenkte die Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energiewirtschaft (BDEW), Kerstin Andreae, in einem Pressestatement den Blick auf die eigentlichen Verursacher der Misere: „Das Problem sind die unseriösen Billigstrom-Anbieter. Sie lassen die Kundinnen und Kunden einfach im Regen stehen. Sie erfüllen ihre Lieferverpflichtungen nicht und wälzen ihre hausgemachten Probleme auf die Grundversorger ab.“

Handele es sich um tausende oder zehntausende Kunden, so Andreae weiter, habe der Grundversorger extrem kurzfristig zu den Höchstpreisen an den Börsen sehr große Mengen zusätzlicher Energie beschaffen müssen. Dazu komme: Wenn sie an der Energiebörse Strom einkauften, dann müssten sie für diese eingekaufte Menge Sicherungsleistungen erbringen. Der extrem teure kurzfristige Einkauf zusätzlicher Mengen und die dafür erforderlichen Sicherheiten könnten die Grundversorger selbst in wirtschaftliche Schwierigkeiten bringen.

BDEW kontert Verbraucherzentralen
Wie die Vorsitzende der BDEW-Hauptgeschäftsführung weiter ausführte, sei die Haltung einiger Verbraucherzentralen, dass ein Neukundentarif nicht angemessen sei, nicht nachzuvollziehen. „Wenn die Grundversorger die neuen Kunden zum gleichen Tarif wie für die Bestandskunden aufnehmen müssten, dann steigen die Kosten für alle. Das bedeutet, dass auch Bestandskunden in Mitleidenschaft gezogen werden. Das ist kein umfassender Verbraucherschutz“, so Andreae.

Kein Kunde müsse zudem in der Ersatzversorgung bleiben, die ja nur als Sicherungsnetz für solche Notfälle da sei und garantiere, dass weiterhin und ohne Unterbrechung Strom und Gas da seien. „Aus der Ersatzversorgung kann jeder Kunde täglich in einen anderen Tarif wechseln. Im Übrigen ist zu erwarten, dass – wenn es die jeweilige Beschaffungssituation zulässt und es wirtschaftlich vertretbar und möglich ist – die Tarife entsprechend angepasst werden.“

Wie weitere Recherchen der GET AG ergeben, haben Versorgungsunternehmen Preise in den Neukundentarifen bereits nach unten angepasst – so z.B. seit heute die Rheinergie aus Köln oder die NEW bereits zum 8. Januar 2022. Auf der anderen Seite werden teilweise auch die Bestandskundentarife moderat erhöht, wie das Beispiel bei der Energieversorgung Sehnde zeigt. Hier steigt der Brutto-Arbeitspreis zum Februar 2022 von aktuell 29,38 ct/kWh auf 31,50 ct/kWh. Die Preisspreizung bei der Energieversorgung Sehnde fällt aktuell besonders hoch aus, denn im Neukundentarif sind 102,90 ct/kWh zu zahlen.

* gemittelt über die Anzahl relevanter Versorger; gab es mehrere separate Neukundentarife, flossen diese in die Durchschnittspreisermittlung mit ein

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